Susanne Strobel

Krise können.

Eine Krise beginnt oft früher.

Sie kann in dem Moment beginnen, in dem die Faktenlage unklar wird, Einschätzungen auseinandergehen und trotzdem entschieden werden muss.

Abwarten hat Folgen. Handeln auch.

Dann geht es nicht nur darum, welche Option richtig ist. Es geht zuerst darum, worauf das eigene Urteil überhaupt noch gegründet werden kann.

Leeres Büro am Abend mit Schreibtisch, Ledermappe und Füller vor großen Fenstern

Wenn Wissen nicht reicht.

In vielen schwierigen Situationen fehlt es nicht an Informationen.

Es gibt Zahlen, Erfahrungen, Analysen und fachliche Einschätzungen. Manchmal gibt es davon sogar zu viele. Unterschiedliche Experten können zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen, obwohl jede für sich nachvollziehbar ist.

Am Ende bleibt eine Aufgabe, die sich nicht delegieren lässt: Informationen einordnen, gewichten und daraus eine eigene Entscheidung entwickeln.

Je unsicherer die Lage wird, desto wichtiger wird deshalb auch die Frage, unter welchen Bedingungen ein Mensch wahrnimmt und urteilt.

Wahrnehmung

Unter Druck verändert sich Aufmerksamkeit.

Eine Vermutung wirkt plausibler. Eine wiederholte Einschätzung bekommt den Charakter einer Tatsache. Eine Befürchtung erhält mehr Gewicht. Persönliche Betroffenheit kann bestimmte Aspekte vergrößern und andere in den Hintergrund rücken.

Auch Erfahrung ist nicht automatisch verlässlich. Sie kann Zusammenhänge schneller erkennbar machen und gleichzeitig dazu führen, eine neue Situation zu früh mit einer früheren gleichzusetzen.

Was weiß ich? Was vermute ich? Was weiß ich noch nicht?

Diese Unterscheidung beseitigt Unsicherheit nicht.

Sie verhindert, dass Nichtwissen unbemerkt durch Annahmen ersetzt wird.

Urteil

Fakten müssen eingeordnet, gewichtet und auf die konkrete Situation bezogen werden.

Dabei wirken nicht nur Informationen und Erfahrung. Auch Interessen, Erwartungen, Angst, Erschöpfung, Kränkung oder Zeitdruck können Einfluss nehmen.

Urteil entsteht nicht erst dort, wo alle Zweifel verschwunden sind.

Es entsteht, wenn ein Mensch trotz offener Fragen zu einer eigenen Einschätzung kommt und weiß, worauf diese Einschätzung beruht.

Gewissheit auf Kredit.

Sie entsteht dort, wo eine Antwort sicherer erscheint, als die tatsächliche Informationslage es zulässt.

Handlungsfähigkeit

Die erste Reaktion ist noch keine Entscheidung.

Unter hohem Druck wird Reaktion schneller. Das kann notwendig sein. Es kann aber auch dazu führen, dass vor allem die Spannung beendet wird.

Handlungsfähigkeit bedeutet deshalb mehr, als etwas zu tun.

Sie zeigt sich darin, zwischen Reaktion und Entscheidung unterscheiden und auch unter Unsicherheit eine eigene Position einnehmen zu können.

Funktionieren ist nicht dasselbe wie handlungsfähig sein.

Ein Mensch kann nach außen weiterhin entscheiden, Gespräche führen und Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig kann sich die Qualität verändern, mit der er seine Situation beurteilt.

Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch äußere Umstände, sondern aus einem stabilen Inneren heraus.

Verantwortung

Je größer die Verantwortung, desto leichter kann der Eindruck entstehen, auch für Dinge zuständig zu sein, die sich dem eigenen Einfluss entziehen.

Ebenso kann eine Entscheidung nach außen verlagert werden, weil andere über mehr Fachwissen verfügen.

Beides verändert den eigenen Handlungsspielraum.

Nicht alles, was mich betrifft, liegt auch in meiner Verantwortung.

Die entscheidende Frage ist deshalb: Was liegt tatsächlich bei mir?

Verantwortung bedeutet weder, alles kontrollieren zu können, noch alles allein lösen zu müssen.

Persönliche Krisenkompetenz

Persönliche Krisenkompetenz bedeutet nicht, jede Krise verhindern oder beherrschen zu können. Sie zeigt sich darin, wie verlässlich ein Mensch unter schwierigen Bedingungen wahrnimmt, urteilt und handelt.

Diese Fähigkeiten werden nicht erst relevant, wenn eine Situation bereits eskaliert ist. Sie können vorher entwickelt, in einer Krise entscheidend und danach weiter vertieft werden. Eine Krise kann im Rückblick sichtbar machen, was unter Druck mit Wahrnehmung, Urteil und Entscheidungen geschehen ist. Auch deshalb gehört ihre Integration dazu.

Es geht dabei nicht darum, für die nächste Krise ein perfektes Konzept zu entwickeln. Die nächste Situation kann anderen Bedingungen folgen. Persönliche Krisenkompetenz soll nicht in einem Modell liegen, das angewendet werden muss.

Sie soll zunehmend im Menschen selbst verfügbar werden.

Damit er auch dann wahrnehmen, urteilen und handeln kann, wenn die Wirklichkeit anders ist als vorgesehen.

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